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Schwäbischer Literaturpreis 2019: "Metamorphosen"

Schwäbischer Literaturpreis 2019: v.l. Joachim Off, Bezirkstagspräsident Martin Sailer, Maya Baumann, Erik Wunderlich, Preisträgerin Dr. Ruth Johanna Benrath, Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl
Schwäbischer Literaturpreis-Verleihung 2019 (Bild: Andreas Lode)

27.11.2019 Vor großem Auditorium überreichte Bezirkstagspräsident Martin Sailer am 26. November die Auszeichnungen: 1. Preis (2.000 Euro): Dr. Ruth Johanna Benrath (Berlin) 2. Preis (1.500 Euro) Joachim Off (Stuttgart-Gerlingen) 3. Preis (1.000 Euro) Erik Wunderlich (Freiburg) Preis „Junge Autorin unter 25 Jahren“: Maya Baumann (Senden/Augsburg). Über 211 Kreative aus dem gesamten schwäbisch-alemannischen Kulturraum stellten sich dem Wettbewerb des Bezirks Schwaben. Neben den vier Preisträgern erscheinen weitere achtzehn Autoren in der Anthologie (Wißner-Verlag).

Augsburg (pm). Bezirkstagspräsident Martin Sailer freute sich, dass der Schwäbische Literaturpreis erneut ein Thema setzen konnte, das nah am Menschen gehalten, verschiedenste Lebenssituationen ausleuchtet und berührt: „Alles ist dem ewigen Wandel unterworfen, Menschen, Landschaften, Städte und Dörfer, Kultur und Technik. Ovid wusste, dass seine Geschichten durch alle Jahrhunderte leben werden“, und zitierte den antiken Schriftsteller: „Alles verändert sich nur. Nichts stirbt!“
Metamorphosen und Verwandlungen kennen Märchen und Sagen, vom Frosch zum König – oder wie es Gregor Samsa sinnbildhaft für das 20. Jahrhundert bei Kafka erlebt. Sie sprechen eine menschliche Grunderfahrung an, beschreibt der Initiator des Preises, Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl, das Motto des diesjährigen Schwäbischen Literaturpreises. „Die meisten Verwandlungen spielen sich in der Phantasie ab“, stellte er fest. „Sie zeugen vom schlechten Gewissen, Angstvorstellungen, Wünschen und Hoffnungen, aber auch von Witz und Humor. Vieles ist nahe, manches näher als man (zugeben) möchte“, schmunzelte er. Sailer betonte, dass der Bezirk Schwaben mit Überzeugung Autoren fördern, präsentieren und auszeichnen möchte und beglückwünschte sie zu Ihrem Einfallsreichtum und der Originalität ihrer Texte: „Eine Bereicherung für die schwäbische Literaturlandschaft!“ Erfreut zeigte er sich auch über die hohe Beteiligung mit 211 Einsendungen, darunter 15 Beiträge von jungen Autoren unter 25 Jahren: „Dies stellt ein deutliches Zeichen für die Etablierung der schwäbischen Auszeichnung im deutschsprachigen Literaturbetrieb dar“.
Seit den 1950er Jahren fördert der Bezirk Schwaben schriftstellerisches Schaffen. „Der seit dem Jahr 2005 verliehene Schwäbische Literaturpreis ist ein besonderer Ausdruck dieses Engagements.

1. Preis: Dr. Ruth Johanna Bernrath (Berlin)
In raffinierter Erzählperspektive beschreibt Bernraths in unterkühlter Sprache verfasstes Drama „Auftauen“ das unabwendbare, frühe Hineingleiten – eine Verwandlung ─ ihrer namenlosen Protagonistin in schlimme, gescheiterte Lebensverhältnisse. Die Jury würdigte „den hoch artifiziellen Prosatext einer Dichterin, eine Erzählung mit kafkaesken Qualitäten.“ Seit 2007 arbeitet die promovierte Heidelberger Germanistin als freie Schriftstellerin. Der Schwäbische Literaturpreis ist etwa die dreißigste Würdigung, die sie erhält. Laut Juror Oswald Burger spielt sie längst leichthändig in der „Bundesliga“ mit, als Lyrikerin, Romanautorin, Verfasserin von Theaterstücken, Hörspiel und als Performerin: „Und so gibt es auch manchmal Preisträger, die den Preis ehren“, resümiert er.

2. Preis: Joachim Off (Gerlingen/Baden-Württemberg)
Off portraitiert in der Erzählung „Der Hall“ das raffinierte Psychogramm eines DDR-Vernehmungsoffiziers. Jetzt im Ruhestand findet die Vernehmung nur mehr im Kopf statt. Als „pflichtbewusstes Untersuchungsorgan“ fordert er zwischen Selbstgerechtigkeit und Verzweiflung schwankend in der Rückschau seine damaligen Angeklagten auf, ihm „wahrheitsgemäß zu vergeben“. Die Kernidee seiner Erzählung ist die Metamorphose: „Ein Staat vergeht, geht in den anderen über. Dabei verblassen die Erinnerungen der Menschen, aber lassen sie nicht los.“ Jurorin Dr. Sylvia Heudecker zeigte sich beeindruckt von dieser Skizze einer Persönlichkeit, die ihre Gebrochenheit vor der Welt und vor sich selbst perfekt verbirgt.

3. Preis: Erik Wunderlich (Freiburg/Baden-Württemberg)
Erzählt wird ─ zu guter Letzt ─ von einer Froschmetamorphose. Allerdings „so behutsam, dass man den Schluss mehrmals liest, um zu klären: Was genau ist da eigentlich geschehen?“ schreibt Juror Friedmann Harzer. In der Geschichte will sich ein gewisser H. nach seiner Scheidung qua Verwandlung selbst aus seiner Menschen-Einsamkeit befreien. Wunderlichs Verwandlungserzählung „Der Frosch“ verfremdet laut Jury durch die Ich-Perspektive das alte Erzählmuster und vermeidet durch die präzise Schilderung der Ereignisse jeden Mythen- oder Märchenkitsch.

Sonderpreis junge Autorin: Maya Baumann (Senden/Augsburg)
Ihre Geschichte geht so: „Du brauchst mal eine Auszeit, eine plausible Entschuldigung, eine Ablenkung deines sozialen Umfelds. Damit dies gelingt, nimmt man zur Vorspiegelung falscher Tatsachen einen Menschen, der einem hilft. Damit es glaubhaft wirkt.“ In Maya Baumanns Geschichte „Family Romance“ verwandelt sich ein Mensch kraft eigenen Entschlusses und in der sicheren Überzeugung, sich „nachher“ wieder rückverwandeln zu können. Aber das „Geschäftsmodell“ misslingt, beschreibt Juror Michael Friedrichs den Fortgang der Erzählung. „Alles gerät ins Unübersichtliche, Ungeplante“. Friedrichs selbst bekennt sich durch diesen originellen Text als Fan „metaphorisiert“. Der 20jährigen Augsburger Studentin der Vergleichenden Literaturwissenschaften ist mit der preisgekrönten Verwandlungsgeschichte ein fulminantes Debüt gelungen. Sie arbeitet an ihrem ersten Roman.

Schwäbischer Literaturpreis
Dotierungen: 1. Preis 2.000 Euro; 2. Preis 1.500 Euro; 3. Preis 1.000 Euro. Sonderpreis für einen jungen Autor/junge Autorin (bis 25 Jahre) wird als Einladung zum Meisterkurs Literatur beim Schwäbischen Kunstsommer 2020 an der Schwabenakademie Irsee vergeben.

Jury
Oswald Burger (Literarisches Forum Oberschwaben), Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl, Dr. Michael Friedrichs (Wißner-Verlag), Dr. Friedmann Harzer (Universität Augsburg), Dr. Sylvia Heudecker (Studienleitung Schwabenakademie Irsee), Dr. Ulrike Längle (ehemals Franz-Michael-Felder-Archiv Bregenz), Dr. Sebastian Seidel (Sensemble Theater Augsburg).


Biographien der Preisträger
Dr. Ruth Johanna Benrath, geb. 1966 in Heidelberg, promovierte 2004 dort mit einer Arbeit über das Selbstverständnis von Geschichtslehrern in der DDR und in den neuen Bundesländern. Seit 2004 ist sie freie Schriftstellerin. Für ihre vielfältige literarische Tätigkeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet, zuletzt wurde „Geh dicht dichtig!“ 2019 für den ARD-Hörspielpreis nominiert.

Joachim Off wurde 1974 in Leonberg geboren, studierte Physik und arbeitet in einem mittelständischen Unternehmen. Er ist langjähriges Mitglied des 42erAutoren e.V. und arbeitet derzeit an seinem ersten Roman. Er wohnt in Gerlingen bei Stuttgart.

Erik Wunderlich, 1983 im Schwarzwald geboren, studierte Physik in Karlsruhe und Psychologie in Berlin. Er lebt in Freiburg/Breisgau, veröffentlicht Lieder als Singer-Songwriter, seine Kurzprosa erscheint in Zeitschriften und Anthologien. Als Finalist des Open Mike 2018 nahm er 2019 am Nature Writing Seminar der Bayerischen Akademie des Schreibens teil. Er arbeitet an seinem ersten Roman.

Maya Baumann wurde 1999 in Landshut geboren und ist in der Nähe von Ulm aufgewachsen, studiert Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Augsburg. Am liebsten schreibt sie über historische Themen und außergewöhnliche Ereignisse. Sie arbeitet an der Veröffentlichung ihres ersten Romans.


Anthologie  Metamorphosen, Wißner-Verlag Augsburg, ISBN 978-3-95786-224-2, 276 Seiten, 14,80 Euro; Herausgeber Dr. Peter Fassl

Ansprechpartner  Bezirksheimatpfleger Dr. Peter Fassl, Telefon 0821/3101-310; Heimatpflege@Bezirk-Schwaben.de

Bild  © Napalai Studio, 2019, Benutzung unter Lizenz von Shutterstock.com

Kategorien: Kultur und Heimatpflege

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