Bauernhofmuseum Illerbeuren schreibt anhand innovativer Ansätze Denkmalgeschichte weiter. Nicht zuletzt mit nachhaltigen Konsequenzen für das Freilichtmuseum selbst.

02. August 2022 : Die Sonderausstellung „Vom Translozieren zum Sanieren. Baugeschichten vom Bauerhaus Meßhofen“ wurde am Sonntag (31.07.) im Museumabschnitt „Mittelschwaben“ in besonderem Rahmen und unter politisch wie wissenschaftlich anspruchsvoller Besetzung eröffnet. Die Auftaktveranstaltung mit Podiumsdiskussion stand ganz unter dem Eindruck der Schlüsselworte Rekonstruktion, Revision, Reflexion und Repräsentation. Und die Vorsilbe ‚Selbst-‘ (wie in Selbst-Reflexion) wurde gleichzeitig immer mitgedacht.

Wie überhaupt in diesem Rahmen viel nachgedacht und wissenschaftliche Methoden, Zugänge und Lösungen diskursiv umgewälzt wurden. Denn das Bauernhaus Meßhofen, welches vor 22 Jahren aus seinem Ursprungskontext, aus der Ortschaft Meßhofen in der Gemeinde Roggenburg (Ldkr. Neu-Ulm), in das Schwäbische Freilichtmuseum
Illerbeuren transloziert, also versetzt wurde, wirft zahlreiche hochspannende Fragen auf. Jetzt, wo das Bauernhaus Meßhofen dringend saniert werden muss, um es als Baudenkmal weiter zu sichern und es als architektonisches Zeugnis zu bewahren, tauchen bei intensiver Betrachtung und Befundung Fragestellungen auf, die neue Antworten und Herangehensweisen des Erhalts erfordern.

In Wandlung begriffen – Oder das Pferd einmal von hinten aufzäumen
Bei der Eröffnung fielen die ersten Schlüsselworte. Bezirkstagsvizepräsident, Alfons Weber, machte in seiner Begrüßung auf die Wandelbarkeit Schwabens aufmerksam, und dass hierin ein beachtliches kulturgeschichtliches Potenzial geborgen liegt. Und diese Wandlungsfähigkeit ist eben auch an den Bauwerken dieser Landschaft abzulesen. Des Weiteren, so Weber, schließen sich Wandlung und Zaun per se aus. Daher stellt sich die Sanierungsbaustelle um das Haus Meßhofen im Museum auch nicht als hermetisch abgeriegelte Zone dar, sondern ein mit Ausstellungsgut bestückter Bauwagen und ein mit Schautafeln illustrierter Bauzaun, zahlreiche Taststationen laden die Besucher*innen des Museums zum konkreten Begreifen und Nachvollziehen der Baugeschichten von Meßhofen ein. „Ein Denkmal ist immer ein lebendiges Denkmal und damit eine Fortsetzungsgeschichte“ resümiert Alfons Weber. Und diese Geschichte wird nun seitens der Museumsleitung mittels einer neuen Strategie bei der Rekonstruktion dieses Hauses fortgeschrieben. Der Museumsleiter, Dr.-Ing. Bernhard Niethammer, macht prägnant deutlich, worin die Innovation besteht, die historische Bausubstanz von Meßhofen zu sichern. „Wir zäumen das Pferd von hinten auf!“ Soll heißen, man lässt das Gebäude für sich selbst sprechen. Schicht für Schicht wird gehoben, Struktur und Füllung werden begutachtet und bewertet. Eine sogenannte „Archäologische Bauforschung“ wird vorgenommen. Eine Herangehensweise, die in dieser Weise bereits vor der Translozierung des Hofes hätte erfolgen müssen. Anstatt ein solches Haus nur als abgeschlossenes Gesamtwerk zu betrachten und es nur an seiner äußeren Hülle zu bemessen, muss und wird künftig der mehrdimensionale Entstehungsprozess eines solchen Objekts im Fokus stehen.

Statt Hauslandschaft eine Bildungs- und Vermittlungslandschaft

Wie im wirklichen Leben auch hat und braucht alles einen Referenzpunkt, einen Bezug, eine Rückbindung. Zumeist sind es jedoch mehrere. Und so werden, wie Prof. Dr.-Ing. Stefan Breitling, bei der Eröffnung ausführte, auch innerhalb der Bau- & Architekturforschung die ursprünglichen Bezugspunkte, die Urheberschaft und ihre „Schöpfungsakte“ immer zentraler. Ein Bauwerk legt Referenz und Zeugnis ab über dessen Zeit, ist somit wertvolle Informationsquelle und eine mehrdimensionale Ressource hinsichtlich der Vergangenheit. Ein Haus ist somit nie nur eine einzige „Baugeschichte“, sondern birgt in sich viele Geschichten, Wandlungsgeschichten – sogenannte „Narrative“ wie es in der Wissenschaft genannt wird. Diese sollen nun im Zuge der Sanierung von Meßhofen zur Sprache kommen. Darin besteht die Innovation dieser Sanierungsunternehmung: dass man dieses Haus und seine Versetzung einer kritischen Revision und Neubewertung unterzieht, die gewonnenen Inhalte didaktisch hebt und sie für Experten wie Laien begreifbar und nutzbar macht. Nichts weniger als die Frage nach der Rolle und dem Selbstverständnis des Freilichtmuseums klingt an dieser Stelle durch. Auch hier zeichnet sich ein Wandel ab. Denn das Freilichtmuseum Illerbeuren will nicht länger „typologisch einfach geschnitzte“ Hauslandschaften importieren und ausstellen, und damit eine bestimmte Aura oder Atmosphäre ins Bild setzen. Sondern der Bildungs- und Vermittlungsauftrag steht inzwischen deutlich im Vordergrund und damit auch das Anliegen, ein Problembewusstsein für die Vielschichtigkeit unseres kulturellen Erbes zu schaffen und die Besucher*innen dafür zu sensibilisieren, dass die Gleichung „Bewahren = Konservieren“ eben nicht aufgeht, weil sie die Komplexität der Wirklichkeit nicht abbildet. Dr. Stephan Winter würdigte in seiner Funktion als stellvertretender Landrat des Ldkr. Unterallgäu diesen besonderen Vorstoß des Museums, auf diese Weise als „intermuseale Plattform für Best-Practice-Beispiele die Historische Bauforschung weiter voranzutreiben.“

Das Denkmal - Denk mal nach, denk dich mal außen vor

Denkmalschutz ist immer eine gesamtgesellschaftliche und eine hoheitliche Aufgabe, so Dr. Niethammer zum Auftakt der Podiumsdiskussion, die der Ausstellungskurator, Philipp Scheitenberger M.A., unter Beteiligung von sieben Fachleuten aus den Bereichen Wissenschaft, Museen, Bauplanung und -praxis moderierte. Inzwischen weiß man nicht nur um den enormen Substanzverlust, der bei einer Objektversetzung in ein Freilichtmuseum unweigerlich passiert, sondern es geschieht dabei (unwissentlich bis notgedrungen) auch eine Engführung des Blicks auf ein solches Exponat. Musealisierung war und ist stets ein Akt, der auch von den eigenen wissenschaftlichen Ambitionen beeinflusst ist und damit ein Abbild einer gewissen wissenschaftlichen Überzeugung und Haltung zu einem bestimmten Zeitpunkt widergibt. Inzwischen ist man in diesem Forschungsbereich selbstkritisch genug, um zu wissen, dass sich bei einer Translozierung nur ein „Hauch von Authentizität“ neu verorten lässt. Zudem ist diese Art von Authentizität oftmals „eingefärbt“, weil überschrieben von der jeweils zeitgenössischen wissenschaftlichen Verfasstheit und ihren eigenen Bildern. Im Rahmen der Podiumsdiskussion tauchte an vielen Stellen die Frage nach dem Denkmal auf und wie man damit künftig umzugehen gedenkt. Fazit war, dass wir als Gesellschaft immer dazu neigen, das zu visualisieren, was unserer Sicht entgegenkommt respektive was Status quo des Forschungsstands ist. Daher sollte in der Zukunft bevorzugt eine in-situ-Sanierung eines denkmalgeschützten Hauses die Lösung sein.

Sehen mit den Augen der Anderen – Kontextuelles Sehen und Erfassen

Deswegen ist es so zentral, bei einer jeglichen Baurevision und Reflexion sich die jeweils eigenen Seh- und Denkschablonen bewusst zu machen und diese so weit als möglich auszublenden. Will man einem Objekt, einem Bauwerk gerecht werden, so sollte man es in seiner Sprache ernst nehmen. Das heißt die Befunde solide auslesen und rückbinden an die jeweilige vorliegende Ressourcenlandschaft. Im Grunde geht es um die Revitalisierung eines Blicks auf historische Bausubstanz, der weniger der Unsrige ist als vielmehr der von damals. Es geht also zukünftig um nicht weniger als um die Herausforderung, kontextuelles Sehen zu erlernen. Um das Sehen mit den Augen der Anderen, und um die Revitalisierung von alten Bautechniken und Baumaterialien. Exakt in diesem Spannungsverhältnis zwischen modernen Techniken und Ansprüchen einerseits und dem ursprünglichen, eingebetteten Wissen um Konstruktion andererseits liegt die Chance für Neues: die „Historische Simulation“ – also die Errichtung einer identischen Rekonstruktion des Alten in Gestalt eines kompletten Neubaus, ausschließlich in jedem Detail am alten Vorbild orientiert.

Transformationsgeschichte in jeder Hinsicht

Doch schlussendlich – so der Kurator Philipp Scheitenberger – bleibt jede Maßnahme zum Erhalt eines Bauwerks eine gestaltende Intervention, ein immer weitergehender schöpferischer Akt. Alles bleibt immer nur eine Annäherung an den Ursprung und trägt damit aber der Lebendigkeit von Häuserbiographien Rechnung sowie der von Wissenschaft. Aber auch Museumsgeschichte ist Transformationsgeschichte.

Das Konzept von Ausstellung und Sanierung sehen u.a. vor:
- Begleitung über ein Lehrforschungsprojekt zusammen mit der Universität Bamberg
- Veröffentlichung einer Begleitpublikation zur Podiumsdiskussion
- Lehm und Sandgutimport aus der Ressourcenlandschaft Kloster Roggenburg
- Errichtung einer Fachwerkwand, um historische Bautechniken zu demonstrieren
- Hausmodell Meßhofen als Tastmodell
- Demonstration tachimetrischer Mittel und Methoden
- Durchführung einer Summer School im Jahr 2023.

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