Inklusion 2.0: Schwäbisch-ukrainischer Fachaustausch auf Augenhöhe - Fachkräfte aus Kizman praktizieren in Kaufbeuren

17. Februar 2020 : Zwar mit reichlich Verspätung wegen Sturmtief Sabine, aber dennoch sicher landeten unlängst Gäste aus der Ukraine in Memmingen: Die fünf Fachkräfte aus Kizman, einer Kleinstadt in der ukrainischen Nordbukowina, waren auf Einladung des Bezirks Schwaben und der Lebenshilfe Ostallgäu zum Fachaustausch gekommen.

Der Bezirk Schwaben pflegt seit Jahrzehnten eine Regionalpartnerschaft zur ukrainisch-rumänischen Grenzregion Bukowina. „In diesem Rahmen ist es uns sehr wichtig, vor allem in den Themenbereichen der Behindertenhilfe, des Gesundheitswesens und des Umweltschutzes voneinander zu lernen“, betont dazu Bezirkstagspräsident Martin Sailer.

Der Geschäftsführer der Lebenshilfe Ostallgäu e.V., Klaus Prestele, ist seit dem Jahr 2017 im Kontakt mit der Einrichtung „Dzvinochok“, die in deutscher Übersetzung „Glöckchen“ heißt. Seit 2018 findet ein reger Austausch auf Ebene der Therapeuten und Therapeutinnen statt. Die Fachleute aus der Ukraine konnten nun je nach Fachrichtung in verschiedenen Bereichen in Kaufbeuren hospitieren.

Ein neuer Schwerpunkt des Austauschs waren die Gespräche über die strukturellen Hintergründe der Lebenshilfe und weiterer Organisationen. In Kizman gründete sich zu Beginn des Jahres ein Elternverband, der sich in die Arbeit vor Ort, aber auch in den Dialog mit den politischen Entscheidungsträgern einbringen will, um die Fachkräfte auf dem Weg zu inklusiven Ansätzen in der Behindertenarbeit zu unterstützen. „Nach wie vor sind Menschen mit geistigen sowie körperlichen Behinderungen in der Ukraine nicht präsent in öffentlichen Bereichen und auch die Betreuungs- oder gar Arbeitssituation für Menschen über 18 Jahren ist prekär“, schildert Dr. Katharina Haberkorn vom Bezirk Schwaben, Beauftragte für die Partnerschaft zur Bukowina. Das Team von Dzvinochok schaffte es im vergangenen Jahr erstmals, Arbeitsplätze für zwei junge Erwachsene bei einer lokalen Postfiliale zu kreieren, die sie auch mit wenig Aufwand weiterhin betreuen. „Dieses Beispiel macht den Akteuren vor Ort Mut und zeigt Raum für die weitere Entwicklung in diesem Bereich.“

Neben den Gesprächen mit dem Elternverband sowie dem ehrenamtlichen Vorstand der Lebenshilfe, Wolfgang Neumayer, war auch ein Treffen mit Bezirksrat Volkmar Thumser in Augsburg für die Gäste sehr informativ. Thumser, Inklusionsbeauftragter des Bezirkstags, ist zudem Gründungsmitglied des Vereins „einsmehr“ in Augsburg. Hierfür schlossen sich vor über 20 Jahren Eltern, deren Kinder mit der Diagnose Trisomie 21 geboren wurden, mit dem Ziel zusammen, ein möglichst inklusives Lebensumfeld für die eigenen Kinder sowie viele andere Menschen mit gleicher Diagnose zu schaffen. Ein sichtbares Zeichen dieser Bemühungen konnte der Verein im Gebäude des Landgerichts in Augsburg setzen. Mit der Fotoausstellung „Stadtbild. Inklusiv“ zeigen sie Menschen mit Downsyndrom in Alltagssituationen in der Stadt Augsburg und bestätigen damit, dass sie Teil des Stadtbildes und Lebensumfeldes sind. Die Ausstellung berührte die Fachkräfte aus der Ukraine sehr und ermutigte sie, weiter in diesem Bereich und vor allem in der Öffentlichkeit für Menschen mit Behinderungen aktiv zu sein. Die Kollegen und Kolleginnen der Lebenshilfe freuen sich schon auf weitere Veränderungen, wenn der Gegenbesuch in der Ukraine ansteht.

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